Rechtskopulismus
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Kolumne gibt es auch zum Anhören
Da gab es jetzt angeblich diesen Swingerclub in der
Wiener Secession. Angeblich war der Kunst. Dabei wurde dort
angeblich echt gevögelt. Aber solang man nichts Genaues
wusste …
Der Bürgermeister hatte wahrlich schon viel gesehen in
seinem Leben. Das alljährliche Benefiz-Origami-Wettfalten
in der Sektion 34 in Favoriten. Magistratsbeamte, deren angedrohter
Streik gerade noch von der hereinbrechenden Mittagspause verhindert
werden konnte. Er hatte sogar einmal Werner Faymann aus der
Bibliothek im Rathaus kommen sehen, damals, als der Werner noch
ganz frisch sein Amt als Wohnbaustadtrat angetreten hatte und
in den ersten Wochen überall hinfand, nur nicht in die
Kantine. Und der Bürgermeister hatte auch schon bizarr
gekleidete Menschen gesehen. Zur Genüge. Bis er dann damals
aus der Burschenschaft ausgetreten war.
Aber so etwas wie das hier hatte er noch nie gesehen. In dem
wüsten Durcheinander aus Körpern vor ihm war nicht
mehr zu erkennen, wo der eine Netzbody aufhörte und das
andere Lederkorsett anfing. Manche Hintern schienen sich überhaupt
einen Stringtanga zu teilen. Ein Mann nuckelte an einem Zeh.
Und eine Frau mit langen grauen Haaren schrie: „Ja! Kunst
kommt von Können! Jaaa!!“
Und wenn man wirklich genau hinsah, konnte man erkennen, dass
es in diesem Haufen zweifelsfrei einige Menschen gab, die sogar
weniger anhatten als Mausi Lugner am Opernball. Natürlich
hatte der Bürgermeister keine Freude damit. Und nur zu
gerne hätte er einige barsche Worte des Tadels formuliert.
Aber der Zipp über seinem Mund war zu.
„Na, Herr Bürgermeister? Was sagen S’? Ungeheuerlich,
was?“ Neben dem Bürgermeister stand jetzt die Grauhaarige
von vorhin an der Bar und nahm einen tiefen Schluck aus ihrem
Schirmchen-Cocktail. Eines ihrer Häschen-Ohren hatte im
Nahkampf etwas gelitten und hing geknickt herunter. Wie konnte
sie ihn in seinem Latex-Ganzkörperanzug erkannt haben?
Wo er noch dazu schwarz war? Der Bürgermeister holte tief
Luft, öffnete bedächtig seinen Reißverschluss,
um sich nicht etwa eine seiner vollen Lippen einzuzwicken, und
sagte dann: „Sie müssen mich verwechseln!“
Das Bunny kicherte. „Aber gehen S’! Merken S’
Ihnen: Man trägt zu Latex keine Krawatte. Und schon gar
nicht die, die man zwischen 2004 und heute bei jeder Budgetdebatte
umgehabt hat.“ Betreten sah der Bürgermeister an
sich hinab. Das hatte er dem Kulturstadtrat doch gleich gesagt!
Und wo war der überhaupt?
Er versuchte, die Fassung wiederzufinden. „Und wer sind
Sie, wenn ich fragen darf?“ Die Frau schüttelte lasziv
ihre Mähne und antwortete dann mit verrucht rauer Stimme:
„Ich bin die Kultursprecherin der FPÖ.“ Darum
kannte er sie also nicht.
„Was, bitte, machen Sie da?“, platzte es aus dem
Bürgermeister heraus. „Ach, wissen S’“,
sagte die Grauhaarige, „normalerweise bin i immer nur
gegen Kulturveranstaltungen, bei denen i nie war. Hab i mir
denkt: Machst amoi a Ausnahm. Und Sie?“
Der Bürgermeister hüstelte verlegen. „Für
Swingerclubs bin ich nicht zuständig und auch in keiner
Weise interessiert“, betonte er. „Ich weiß“,
sagte die Kultursprecherin. „Mir geht es selbstverständlich
genauso. Wissen Sie, was ich dort drüben gsehen hab? Ein
erigiertes Glied, jawoll. Aus der Nähe!“
Aus dem Nebenraum war das rhythmische, scharfe Knallen einer
Peitsche zu hören. Und ein Mann. Kein Zweifel, was da im
Gange war. „Au!“, schrie er. „Öffentlicher
Gruppensex! Auuu! Subventionierte Orgien! Verschwitzte Fantasien
eines so genannten Schweizer Künstlers! Aua! Fester!!“
Das kam dem Bürgermeister irgendwie so bekannt vor. Er
sah die Kultursprecherin so fragend an, wie das mit einer Latexmaske
eben möglich war. „Ja, ja, mei Chef is auch da“,
sagte sie vergnügt. „Ich bin so stolz. Ma kriegt
ihn ja sonst nicht in ein Museum.“
Der Bürgermeister sah in der Zwischenzeit mit wachsendem
Erstaunen einem Mann zu, der mit Leine und Halsband auf allen
vieren durch den Raum geführt wurde. Manchmal hielt er
kurz inne und leckte einen Stiefel. Nun ja. Wenigstens wusste
er jetzt, wo der Kulturstadtrat war.
„So, dem hab ich’s aber gegeben“, dröhnte
es mit einem Mal neben ihm. Mit einer ausladenden Geste warf
die Bezirksvorsteherin ihre Peitsche auf den Tresen. „Jetzt
schnell einen Drink und dann zeig ich den anderen, wo Gott wohnt!“
Da entdeckte sie die Kultursprecherin. Und die Krawatte des
Bürgermeisters.
„Frau Kollegin, Herr Kollege – ich nehme doch an,
wir sind uns einig. Das ist eine Schweinerei, die wir den Bürgerinnen
und Bürgern keinesfalls zumuten dürfen“, sagte
sie schließlich mit fester Stimme. Die beiden nickten
eifrig.
„Was is jetzt?“, rief die Stimme von vorhin aus
dem Nebenzimmer. „Das war do hoffentlich no net alles?
I war heut voll unartig!“
Die Bezirksvorsteherin hielt der Kultursprecherin die neunschwänzige
Katze hin. „Sie kennen ihn besser“, sagte sie mit
einem verschwörerischen Blinzeln. Die Kultursprecherin
zog ihre hüfthohen Stiefel zurecht, nahm die Peitsche und
glitt vom Barhocker herunter. Und dann sagte sie noch: „Es
ist ein Skan-dal!“