Ballglück

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Dass Martin Graf den Ball der schlagenden Burschenschafter einer öden Parlamentssitzung vorzog, ist wirklich kein Wunder. Schließlich war das wieder einmal eine ausgesprochen gelungene Veranstaltung.

Was wir wieder für einen kolossalen Spaß hatten!
Es fing schon beim Eingang an, als sie den armen Ingolf von unserer Bruna-Sudetia nicht hereinlassen wollten. Sie dachten, er sei so ein vermummter Berufsrandalierer, der die pompöse Polonaise permanent zu penetrieren plante.
Dabei war das ja nur der Verband von der Mensur!
Bitte, wir haben ja gesagt, Ingolf, haben wir gesagt, geh doch ohne Verband. Dann sehen alle gleich auf den ersten Blick, was für ein kampfesmutiger kerniger Kerl du doch bist.
Aber der Ingolf hat gemeint, das Fehlen seiner Nase könnte manche der Minne minder misstrauende Maid zu sehr von seinen inneren Werten ablenken. Wobei man vielleicht noch ins Kalkül ziehen sollte, dass zu seinen inneren Werten im Moment auch diese Magensonde zählt, deren Schlauch Ingolf beim zart zitternden Züngeln ein wenig behindert.
Ich persönlich denke ja immer noch, dass sich eine wahrhaft deutsche Dame, die das ehrenvolle Endziel im Auge haben muss, tapfer gegen die Überfremdung anzugebären, an solchen Kleinigkeiten nicht stoßen sollte. Unsere Barbara Rosenkranz, die Stalinorgel der rassenreinen Geburtenstatistik, schloss angesichts ihres Horst Jakob schließlich auch zumindest zehnmal die Augen und tat es für Deutschland.
Aber der Ingolf ist doch schon 29, und seine ungebrochene Unschuld erfüllt ihn langsam mit unbändigem Unmut.
Drinnen alberten wir zuerst mit den Altherren der Albia. Hei, war das eine feinsinnige Freude! Landolfs lachstürmende Landserwitze gaben uns kurz das Gefühl, fröhlich vereint im Schützengraben zu sitzen und dem Russen eine zu nussen. Und als dann auch noch seine urkomische Ulfburga ihre beliebte Anne-Frank-Pantomime zum Besten gab – sie setzte sich unter den Tisch und machte große, traurige Augen –, kannte selbst der auf der Suche nach seiner Hauskrankenschwester zufällig vorbeigeschneite John Gudenus kein Halten mehr. Da war mehr Hallo als in Coventry 1940!
Später dann auf der Tanzfläche mit Klothilde, der ich schon hechelnd den Hof mache, seit sie mich damals im heimattreuen Ferienlager mit ihren Zöpfen an eine Eiche gefesselt und mir dann meine Tarnbadehose abgefackelt hat. Ich könnte zu einem Dschaif oder wie das heißt keinen Marsch tanzen, meinte sie. Ich besprach mich mit Ingolf, der dann zu dem ganz offensichtlich entarteten Kapellmeister ging und kurz seinen Verband lüftete. Zehn Sekunden später spielten sie auch schon einen Marsch. Wäre doch gelacht gewesen.
Die Reden waren wie immer ergreifend. Man gedachte der vor uns nach Walhalla verzogenen Recken, wir erhoben hurtig die Humpen mit dem gelben Gerstensafte auf sie und stellten uns vor, es seien die Schädel unserer volksfremden Feinde, gefüllt mit magischem Met. Martin Graf, der populäre Präsident, erläuterte kurz den olympischen Gedanken, wonach der Umsturz nicht mehr weit sein könne und möglicherweise der 9.11., der Schicksalstag des deutschen Volkes, an dem sich mehr oder minder wichtige Ereignisse der Geschichte jährten, in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle spiele – wie ja auch auf der hervorragenden Heimseite http://olympia.burschenschaft.at auf intellektuell herausragender Höhe ausgeführt werde.
Reinhart Waneck schließlich wies in seiner kurzen Grußadresse auf die Möglichkeit kostenloser Vorsteherdrüsenuntersuchungen für bereits vergeblich auf wallendes Wasserlassen wartende Waffenbrüder hin.
An den Tränken herrschte grandioses Gedränge, doch wen immer es dürstete nach mehr, ihm konnte geholfen werden. Auch für treffliche Speis war gesorgt, man reichte alles, was das Herz begehrte und was weiland wohl auch Asen aßen.
Einzig Ingolf blieb leider hungrig. Wir boten ihm an, ein Eisbein mit unseren Säbeln für ihn zu pürieren, doch er meinte mannhaft, er leide weitaus weniger an seiner zeitweiligen Unpässlichkeit bei der Nahrungsaufnahme als an der Unerträglichkeit der Oder-Neiße-Grenze.

So verging die Zeit wie im Fluge einer V2. Geistreiche Gespräche, fröhliches Flachsen, teutonisches Tanzen. Einzig, als ich Klothilde gen Ende des ausufernden Abends den Arm bot, um sie galant zur Mietdroschke zu geleiten, nicht ohne die heimliche Hoffnung zu hegen, vielleicht mit ihr in dieselbe steigen zu können, um später so manchen frivolen Feldherrenhügel der Lust erklimmen zu dürfen, verdüsterte sich mein Ballhimmel, der vorher das strahlende Blau der Augen der Braun getragen hatte.
Klothilde ging mit Ingolf in ihre von kantigen Ketten klirrende Kammer.
Gewiss, mein Bruder Ingolf und ich, wir schworen uns Treue bis in den Tod. Wir gelobten, alles zu teilen, im Guten wie im Schlechten.
Doch so wahr ich Bodwin der besessen brünftige Brune bin: Nach der nächsten Mensur fehlen ihm auch noch die Ohren.

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"Die gesammelten bösen Glossen und erfundenen Dialoge des Rainer Nikowitz sind von der innenpolitischen Wirklichkeit kaum zu übertreffen. So viel gibt´s dort leider nicht zu lachen." (Salzburger Nachrichten)
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