Mister Zehn Prozent
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Er war ja gerne tagein, tagaus unermüdlich zum
Wohle Kärntens tätig. Aber manchmal konnte das selbst
einem Uwe Scheuch zu viel werden.
Langsam war Uwe Scheuch wirklich mit seiner Geduld am Ende.
Genervt trommelte er mit den Fingern seiner ausgestreckten rechten
Hand den Rhythmus von „Und über Rhodos küss
ich dich“ auf die Platte des Stammtisches des Frantschacher
Kirchenwirtes.
Vor ihm stand eine zitternde Watschnigg Aloisia und nestelte
mit ihren Gichtfingern nervös in ihrem abgewetzten Geldbörsel
herum. „Muatterl“, sagte Scheuch schließlich,
„wann du dos Wechselgeld nit klaan hast, dann stell di
hinten no amol an. Du haltest da die ganze Partie auf!“
Die Watschniggin sah sich unsicher um. Da standen locker noch
50 Leute, die sich den Hunderter von der großherzigen
Kärntner Landesregierung abholen wollten.
„So lang kann i oba nit stehen“, protestierte sie
schwach. „De Fiaß, Sie wissen eh.“ Obwohl
der Uwe natürlich wusste, wie die kleinen Leute so waren,
seit die Magd damals am Hof nicht und nicht unter dem Tisch
essen hatte wollen, ging ihm jetzt das Geimpfte auf.
„Huach zua“, bellte er, „dass ma dos Wechselgeld
einstecken hat, is no na net part of the game. Mir hamma schließlich
nit den ganzen Tag Zeit. Oder willst statt an Zehner glei den
ganzen Hunderter als freiwillige Parteispende zruckgeben?“
Aloisia schlurfte seufzend ans Ende der Schlange. Uwe schüttelte
angewidert den Kopf. Die Alte konnte echt von Glück reden,
dass sie die Staatsbürgerschaft schon hatte. Gott sei Dank
hatte er dem Dörfler die Idee ausreden können, auch
den Führerschein-Tausender in bar zu verteilen. Welcher
von den jungen Hungerleidern hatte denn schon einen Hunderter
einstecken? Nein, da war es gescheiter, das Ganze sauber über
eine Agentur abzuwickeln, die halt nur 900 überwies und
den Rest als „Verfahrenskosten“ einbehielt.
Sein Handy läutete. Schon wieder dieser Wjatscheslaw!
Dabei hatte er ihm doch ganz klar gesagt, dass er nichts für
ihn tun konnte. Der dämliche Russe hatte die Kohle, die
Uwe für die selbstlose Hilfe bei der Erlangung eines Gewerbescheins
für Import-Export zustand (soweit Uwe wusste, wollte Wjatscheslaw
Kunsttänzerinnen aus St. Petersburg importieren und ein
paar Regimekritiker nach Sibirien exportieren), ans BZÖ
überwiesen – und nicht an die FPK. „Wjatscheslaw“,
sagte Uwe tadelnd, „was genau verstehst du nit an dem
Satz: ‚FPK – weil the winner takes allerweil no
all‘?“
Wjatscheslaw stotterte. Aber das tat er ja immer, seit sein
Unterkiefer in einer Galerie in Omsk mit dem Schlagring eines
anderen Impresarios Bekanntschaft gemacht hatte.
„Nun ja“, sagte der Russe, „ehrlichch gesaggt
– alles!“ Uwe griff sich an den Kopf. „Du
hast ans BZÖ überwiesen! De liberalen Loser! Mir samma
oba de Freiheitlichen in Kärnten, the one and onlys. De
wo mit de Freiheitlichen im Bund a Wahlgemein…, ding,
wo halt dann am Stimmzettel steht … Na, wurscht jetzt!
Mach endlich an Deitschkurs!“
Vor ihm stand in der Zwischenzeit ein weißhaariger Mann,
der einen 5-Euro-Schein schwenkte. „Zwischen fünf
und zehn Prozent hat’s ghaaßen“, sagte er
hilflos. Uwe verdrehte die Augen und steckte den Fünfer
ein. „Dos nächste Mal sollt Ihna de positive Entwicklung
Kärntens schon a bissl mehr wert sein“, fauchte er.
„Nochch mehr?“, fragte Wjatscheslaw. „Chab
ichch schon gegeben hunderttausend. Und dann nochch gekauft
finftausend Karten fir Chaider-Ausstellung in die Bergwerk.“
Wenn der Tag so weiterging, musste sich Uwe am Abend die Aufzeichnung
seines Auftritts beim runden Tisch über die Hypo im ORF
gleich zweimal anschauen, um wieder ins Lot zu kommen. „I
hob doch nit di gmaant“, schrie er, „how on earth
habts ihr Koffer damals in Stalingrad gwonnen?“ Er hörte
einen zweiten Anrufer anklopfen. „Was soll ichch jetzt
machen?“, fragte Wjatscheslaw.
„Geh aus der Leitung“, beschied ihm Kärntens
größte Hoffnung und nahm den anderen Anruf entgegen.
Es war H. C. Auch das noch. „Eine Schmutzkübelkampagne
von vurn bis hint. I kann mi nit daran erinnern und wenn, dann
nur aus dem Zusammenhang gerissen. Und sölbst wenn i mi
erinner, is daran überhaupt nix Ehrenrühriges. Wegen
de Eishockeyspieler nämlich“, sprudelte es aus Uwe
heraus.
Von links wuchs ihm plötzlich ein Poster von Udo Jürgens
unter die Nase. „Können Sie mir dos unterschreiben?“,
süßelte ihn die Frau an, die es in der Hand hielt.
„Se san doch a so a großer Fan wie i.“ Jetzt
verlor Uwe endgültig die Contenance: „Vazupf di,
du Vettel! Schleich di ins Solarium zum Petzner!“
Aus seinem Handy drang verächtliches Schnauben: „Zum
Petzner? Aha. So kummst mir also jetzt auf amoi?“ Jetzt
begann Scheuchs linkes Auge im Rhythmus von „Und über
Rhodos küss ich dich“ zu zucken. „H. C.“,
sagte er tonlos, „dos is a Missverständnis. Sei mir
nit bös.“ Zum Glück war Strache sofort besänftigt.
„Na guat, passt scho. Und? Gibt’s sonst was Neues?“
Die Frau mit dem Poster sah Uwe erschrocken an und sagte dann:
„Ham Se vielleicht a Nummer vom Petzner?“
„534 72 342“, erwiderte Uwe mechanisch. „An
einem Tag?“, rief Strache erstaunt aus. „Tolle Summe!
Oba denk dran: Die Hälfte ghört uns!“