Interviews

Mit seinen satirischen Politik-Glossen und Kolumnen hat sich Rainer Nikowitz eine stetig wachsende Fangemeinde erschrieben. Wie es dazu kam und welche Reaktionen die Protagonisten seiner Zeilen zeigen, erzählt er im Interview mit CHILLI.cc

„Dummerweise Jus studiert“

Rainer Nikowitz über seine Weltreise und warum er kein Schauspieler mehr wird

CHiLLi: Sie haben ja für den Kurier auch eine Reiseserie geschrieben. Wie ist das zu Stande gekommen? Wie stellt man es an, dass man ein Jahr durch die Welt reisen kann um darüber zu schreiben?
Rainer Nikowitz: Das ging eigentlich nur aufgrund meiner Freundschaft zu Michael Horowitz. Ich war vorher normaler Redakteur in der Freizeit und habe dann irgendwann eingesehen, dass das jetzt nicht mehr das ist, was ich gerne machen möchte. Und so eine wirklich lange Reise wollte ich immer schon gerne machen. Es war klar, dass das als Angestellter nicht funktionieren kann. Ich habe dann gekündigt und bin quasi auf Honorarbasis durch die Welt gefahren und habe mir damit die Reise finanziert. Es ist nicht so, dass ich jemals ein Hilton Hotel von innen gesehen hätte, das wäre sich nicht ausgegangen. Aber es war doch gut genug, um mit Rucksack und wenigen Ansprüchen fast eineinhalb Jahre unterwegs zu sein.

CHiLLi: Wie wurden damals die Texte in die Redaktion geschickt?
Rainer Nikowitz: Per Fax. Und das war damals teilweise abenteuerlich. Von irgendwelchen ostasiatischen Inseln, wo es genau ein Faxgerät gibt und dann warten, bis das endlich durch ist. Was das gekostet hat, das war enorm. Lustig war auch, als ich zurück kam, gab es plötzlich Internet. Da war ich völlig von den Socken, denn auf meiner Reise habe ich das überhaupt nicht mitgekriegt. Für mich leider zwei Jahre zu spät.

CHiLLi: Und dann sind sie beim Profil gestrandet. Wie ist es dort überhaupt zu Ihrer Kolumne gekommen?
Rainer Nikowitz: „Gestrandet“ klingt gut, so als gäbe es quasi nix Schlimmeres. Nachdem ich von der Reise zurückgekommen war, habe ich dann eine Zeit lang für den Kurier als freier Journalist weiter geschrieben, und dann ganz kurzfristig, für zirka sechs Monate beim Wiener als Kulturchef angeheuert. „Kulturchef“ war allerdings ein ziemlicher Euphemismus, denn die Kulturredaktion bestand aus mir und ein paar Freien, die halt schrieben, wenn sie Lust hatten. Das war also ein Titel, der das Ganze nicht wirklich traf. Dann kam Format und die Mutter aller Schlachten. Zu der Zeit hat das Profil so richtig aufgerüstet und Christian Seiler, auch ein Freund von mir, der damals Chefredakteur war, hat mich angerufen und die Dinge nahmen ihren Lauf.

CHiLLi: Die Recherche zu diesem Interview war nicht einfach. Zu ihrer Biografie findet man nur ganz wenig. Zum Beispiel, dass Sie Ihr Studium abgebrochen haben und zum Journalismus gewechselt sind …
Rainer Nikowitz: Das sind diese vier Zeilen, die ich vor Jahren einmal meinem damaligen Verlag geschickt habe, weil sie gesagt haben, sie brauchen etwas für den Buchrücken: „Schreiben’s ein paar Zeilen.“ Und die kursieren heute überall.

CHiLLi: Was haben Sie denn nun studiert?
Rainer Nikowitz: Jus, dummerweise, und Publizistik und Politikwissenschaft. Davon habe ich aber nichts fertig gemacht, weil ich zwei Prüfungen vor Ende des Studiums beim Kurier angefangen habe. Da gab es damals eine Lehrredaktion und nach diesem Einstieg und einer sechsmonatigen Probezeit bekam ich dann eine fixe Stelle – das Studium war dann relativ schnell erledigt.

CHiLLi: Das abgebrochene Studium scheint ja Gang und Gebe im Lebenslauf von Journalisten zu sein …
Rainer Nikowitz: Wir haben im Profil aber schon eine Akademikerquote von ungefähr fünfzig Prozent. Bei uns haben das Studium noch viele durchgehalten. Aber früher war der Studienabbruch schon ziemlich klassisch bevor es die Fachhochschule gab.

CHiLLi: Was machen Sie eigentlich neben den Kolumnen beim Profil? Können sie davon leben?
Rainer Nikowitz: Ich bin Teilzeitangestellter beim Profil. Und neben meinen Kolumnen unterstütze ich die Chefredaktion seit sechs Jahren beim Redigieren der Geschichten.

CHiLLi: Sie machen auch gemeinsam mit Florian Scheuba Lesungen ihrer Kolumne. Wie ist das zustande gekommen?
Rainer Nikowitz: Es gab das Antiquariat „Buch und Wein“ im vierten Bezirk. Geführt damals von dem sehr rührigen Richard Jurst, der in Wien der größte Lesungsveranstalter war. Nicht nur für österreichische Journalisten und Autoren, sondern auch internationale. Er hat fast jeden gekriegt, weil er so hartnäckig war. Er hat mich mal vor Ewigkeiten angerufen, dass er gerne hätte, dass ich beim ihm lese. Ich hab damals anscheinend einen schlechten Biorhythmus gehabt und habe gesagt: „Na sicher mache ich das, kein Problem, gerne!“ Dann ist der Termin immer näher gerückt, und ich musste mich dann leider fragen, ob ich vollkommen bescheuert bin. Ich hatte so etwas noch nie gemacht, ich bin kein Kabarettist oder Schauspieler. Dazu auch noch Dialoge, alleine, ohne irgendetwas gelernt zu haben diesbezüglich. Das kann nicht funktionieren. Daraufhin habe ich eine Absagemail geschrieben und habe mich dann versteckt.

CHiLLi: Aber Herr Jurst hat nicht aufgegeben …
Rainer Nikowitz: Natürlich war er bei mir auch hartnäckig und hat ständig angerufen. Jedes Mal wenn ich am Display seine Nummer gesehen habe, habe ich nicht abgehoben. Ich wollte das nicht erklären müssen. Dann hat er eine Zeitlang aufgegeben. Und ein paar Monate später hat er mir ein Mail geschrieben, dass er den Florian Scheuba gefragt habe, ob er denn mit mir aus meinen Büchern lesen würde, und der habe ja gesagt. Dann hab ich mich mit dem Florian getroffen und eine kurze Probe gemacht. Es blieb die einzige – bis heute. Das hat dann auch von Anfang an gut funktioniert. Klarerweise hat er mich da in der ersten Zeit durchgetragen. Die alte Rampensau, die er eben nach tausenden Vorstellungen ist, hat mir natürlich schon sehr geholfen. Ich habe auch viel gelernt von ihm, weil das Programm ja in der Zwischenzeit so aussieht, dass wir eigentlich viel mehr reden, als lesen. Und mittlerweile traue ich mich sogar schon alleine auf die Bühne und lese die lange Kolumne.

CHiLLi: Sie haben ja auch an einem Kabarettstück mitgeschrieben. Das war das Programm „Nullvier“.
Rainer Nikowitz: Ja, das war ein Programm vom Erwin Steinhauer und Rupert Henning, ein kabarettistischer Jahresrückblick im Konzerthaus. Dafür habe ich damals ziemlich viel geschrieben. Und jetzt habe ich auch bei „Die 4 da“ ein bisschen was mitgeschrieben.

CHiLLi: Das wollen Sie nicht hauptberuflich machen?
Rainer Nikowitz: Das Problem bei diesen neumodernen Kabarettisten ist, dass die sich ja alles selber schreiben. Natürlich, bei so etwas wie „Die 4 da“, wo der Zeitdruck enorm war, und die ganzen Produktionsbedingungen so gedrängt waren, ist das wieder was anderes. Aber um das wirklich hauptberuflich zu machen, müsste ich auch selber spielen. Zu den Lesungen reicht es noch, da setzt man sich hin, liest, und reißt zwischendurch noch ein paar Witze. Aber so richtig schauspielern, ich glaube, das lerne ich nicht mehr.

Nikowitz: „Schüssel giftet sich grün und blau“

Nikowitz über Schüssels eiserne Verbiestertheit und Schreiben auf Drogen

Seine wöchentlichen Kolumnen und Glossen im Profil sind für viele ein absolutes Pflichtprogramm, die sich scheinbar sogar über Jahre in das Gedächtnis einprägen. So zum Beispiel auch bei der unbekannten Dame in der U-Bahn, die ein Telefonat verfolgend auf den Namen Nikowitz reagiert: „Der Nikowitz? Ach, der hat ja im Kurier diese Kolumne über seine Weltreise geschrieben. Das war so lustig, da durfte er zum Beispiel einmal nicht in ein Australisches Pub, weil er Flip Flops anhatte …“ Der Autor Rainer Nikowitz selbst wundert sich ob der Erinnerungen und Reaktionen seiner Leser, die ihm diesen Posten auf Dauer erst einbrachten. Im Interview spricht er über beleidigte Politiker, seine Anfänge und erklärt, warum er kein Charles Bukowski ist.

CHiLLi: Wie kamen Sie zu Ihrer Kolumne im Profil? Und wie kam es zu der Idee, auch eine Glosse mit Politiker-Dialogen zu schreiben?
Rainer Nikowitz: Die Glosse auf der Innenpolitik-Kurzseite gab es schon immer. Die wurde damals von allen möglichen Leuten geschrieben, wer halt am Freitagabend nichts Besseres zu tun hatte. Dementsprechend war mitunter auch die Qualität. Christian Seiler hat mich dann eines Freitagabends angerufen und gesagt: „Du, ich hab eine Glosse, die ist nicht lustig, schreib mir doch bitte eine neue.“ Dann meinte ich, dass ich doch kein Innenpolitiker sei, aber er meinte nur: „Wurscht“.

Ich war ja ursprünglich nicht als Innenpolitikredakteur beim Profil angestellt, sondern für das Ressort „Chronik und Gesellschaft“ – das gab es damals noch als eigenständiges Ressort. Die Chronik wurde später quasi mit der Innenpolitik fusioniert, die Gesellschaft gibt es ja nach wie vor. Dann habe ich eben eine Glosse geschrieben, zu dem Zeitpunkt war es noch kein Dialog, also eine ganz normale Glosse. Damals sogar noch über den Viktor Klima. Die Glosse in ihrer jetzigen Form begann bald darauf mit einer Aschermittwochs-Rede von Jörg Haider. Da habe ich einen Telefonanruf von Jörg Haider an Peter Westenthaler nachgestellt. „Hallo Westi“ war der Titel – so hieß dann auch mein erstes Buch – und das ist dann auch wirklich eingeschlagen, obwohl es nur so ein fünfzehnhundert Zeichen Ding war. Die Woche darauf bin ich mit Briefen und Anrufen nur so überschüttet worden. Und da habe mir dann gedacht: „Aha, das funktioniert ja, das machen wir doch weiter.“ Und jetzt sind es schon siebeneinhalb Jahre.

CHiLLi: Haben Sie eigentlich auch schon einmal böse Briefe bekommen, von Leuten, die in Ihrer Kolumne vorkommen?
Rainer Nikowitz: Eigentlich nicht. Nur einmal habe ich von irgendeinem Wiener FPÖ-Gemeinderat, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann, einen eher unfreundlichen Anruf bekommen. Der kam aber nicht einmal selber vor, sondern hat sich da vor Hilmar Kabas gestellt und mich beschimpft. Aber von Leuten, von denen man es jetzt erwarten würde, wie etwa ein Westenthaler, der doch zu einer gewissen Rabiatheit neigt, wie man weiß, kam noch nie was. Ich kann mir zwar vorstellen, dass die nicht alle so wahnsinnig begeistert sind. Was man dann an Reaktionen kriegt, läuft aber eher auf Umwegen.

Als die FPÖ noch größer war – und vor allem eine Partei und nicht zwei – war das erstaunlich, was sich damals intern schon für Grabenkämpfe abgespielt haben. Wenn ich über den X geschrieben habe, hat sich der Pressesprecher vom Y diebisch gefreut und umgekehrt. Also, die haben sich damals schon nicht so blendend verstanden. Aber um zum Kern der Frage zurück zu kommen: Weder von einem Jörg Haider noch von einem Alfred Gusenbauer, den ich jetzt auch nicht wirklich pflegend behandle, kam bisher eine Reaktion. Mein Vorteil ist: Da ich kein klassischer Innenpolitikredakteur bin, habe ich mit denen ja an sich nichts zu tun. Ich muss sie ja nicht anrufen und Infos aus ihnen rauspressen.

CHiLLi: Glauben Sie, dass Sie durch diese Kolumnen etwas bewirken können?
Rainer Nikowitz: Das ist die alte Frage: Was kann Kunst bewirken? Was kann Satire bewirken? Verbessert Literatur die Welt? Daran glaube ich nicht. Ich sehe das wirklich ganz prosaisch: Das ist für mich ein Unterhaltungselement. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Politiker das liest, und sich denkt: „Jo, ma, eigentlich hot a Recht, und des soit i vielleicht nimma mochn.“ Dieser Illusion gebe ich mich nicht hin. Glauben Sie daran?

CHiLLi: Naja, wenn man die Politiker schon so weit bringt, sich zu ärgern …
Rainer Nikowitz: Ärgern werden sich die meisten schon. Wer sich sicher immer grün und blau geärgert hat, ist Wolfgang Schüssel, der hält das nicht aus. Der Schüssel kann ja Journalisten sowieso nicht riechen und wenn man sich dann auch noch lustig macht über ihn, wo er doch der Klügste und Tollste weltweit ist, dann giftet er sich sicherlich. Aber dass er aufgrund einer Glosse etwas anders macht, – ganz sicher nicht.

CHiLLi: Sie verschonen ihn ja nicht einmal jetzt, wo er nur noch Klubchef ist …
Rainer Nikowitz: Nicht als Staatsbürger, aber als Satiriker tut es mir Leid, dass er nicht mehr Bundeskanzler ist. Nicht, dass der Gusenbauer nichts hergeben würde, aber der Schüssel war in seiner eisernen Verbiestertheit schon noch ein anderes Kaliber.

CHiLLi: Haben sie einmal gehört, dass er sich da geärgert hat?
Rainer Nikowitz: Nicht wirklich. Aber ich kann mich noch erinnern, dass mir seine damalige Pressesprecherin, die Heidi Glück, einmal ausgerichtet hat, dass ihr manche Sachen sehr gut gefallen haben, was mich doch gewundert hat. Da habe ich mich gefragt, ob das ihr Chef weiß (lacht). Aber wie gesagt, direkte Reaktionen gibt es nicht wirklich. Diese Blöße gibt man sich ja auch nicht gerne. Wenn man in einer normalen Magazin-Geschichte kritisiert wird, dann kann man sich auch öffentlich darüber aufregen. Denn da geht es in der Regel um Fakten und da kann man sagen: „Stimmt nicht, das habe ich so nicht gesagt“, was auch immer. Aber wenn man verarscht wird, und man regt sich darüber auf, dann ist man ein humorloser Kerl. Und als solcher will man offensichtlich nicht dastehen.

CHiLLi: Sie sind ja nun im Profil offiziell als Innenpolitikredakteur geführt. Haben sie auch normale Geschichten gemacht?
Rainer Nikowitz: Früher gab es die schon. Ab und zu einmal Interviews oder so etwas. Vor allem solche, bei denen schon von vorneherein angenommen werden konnte, dass da etwas Kabarettreifes heraus schauen könnte, zum Beispiel die Barbara Rosenkranz. Die wirklich ernsten, großen Kanzlerinterviews oder etwas in der Art habe ich nie gemacht. Das macht das Ganze natürlich auch leichter. Ich hätte da durchaus die Angst, dass ich eine gewisse Beißhemmung entwickle, wenn ich jetzt zum Beispiel den Gusenbauer besser kennen würde. Weil nach allem, was man mir sagt, ist der eh nicht so übel im persönlichen Umgang. Insofern ist es besser, dass ich das gar nicht so genau weiß.

CHiLLi: Wo nehmen sie eigentlich die Inspiration für die Kolumnen her? Wie entstehen die? Ist das am Donnerstagabend nach einer Flasche Wein?
Rainer Nikowitz: Nein (lacht). Das Schreiben auf Drogen funktioniert irgendwie nicht, also zumindest nicht bei mir. Charles Bukowski bin ich keiner. Wichtig ist auf jeden Fall viel Lesen. Obwohl meine Satiren doch eine ziemliche Breitenwirkung haben, versuche ich schon viele Feinheiten einzubauen, die dann vielleicht auch nur die verstehen, die sich wirklich mit der Materie befasst haben. Aber damit ich die selber weiß, muss ich wirklich jeden Furz lesen, den die Politiker von sich geben. Das ist eben meine Recherche, nämlich zu versuchen, nichts auszulassen. Nachdem ich es ja nicht durch persönliche Anrufe und Gespräche erfahre, muss es einfach vom genau Hinschauen und -hören kommen. Offensichtlich, das sagt man mir zumindest öfter, treffe ich die Personen so meistens ziemlich gut.

Interview führte Tina Goebel

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