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Rainer Nikowitz: Volksfest
Niederösterreich: Hier ist die Welt noch in Ordnung.
Trotzdem hat Suchanek keine Lust, nach jahrelanger Abwesenheit
von seinem Heimatdorf das Haus seiner Eltern zu hüten.
Muss er aber. Gleich in der ersten Nacht wird er auf dem
Balkon kiffend Zeuge einer Brandstiftung. Mit Todesfall.
Die Frau vom Feuerwehrhauptmann, Mitglied der reaktionären
«egio Mariae» war im Dorf nicht gerade beliebt,
aber deswegen bringt man doch niemanden um! Bei der einen
Leiche bleibt es indes nicht. Und Suchanek kommt in Teufels
Küche.
Verlag
rororo, 2012
Erhältlich
ab 1. November 2012
Leseprobe
"Wenn man einmal was braucht von dir!"
Darauf fiel dem Suchanek nichts ein. Eine Art Überlebensreflex
wahrscheinlich. Denn nachdem es ohnehin nichts gab, das
sich in dieser Situation zu einer brauchbaren Entschuldigung
hätte zusammenlügen lassen, war es besser, zu
schweigen.
Er vollführte eine zarte Handbewegung in Richtung des
Koffers seiner Eltern, den der Busfahrer eben anhob, um
unaufdringlich seine Hilfsbereitschaft bei der Verstauung
dieses wichtigen Gepäckstückes für die Expedition
"Vier Tage Bodensee – Insel Mainau – Schaffhausen/
Rheinfall" zu verdeutlichen.
Es war zu spät. Er war zu spät.
Suchanek hatte allerdings schon den ganzen Weg aus der Stadt
heraus gewusst, dass eben dieser Weg in eben diesem Satz
seiner Mutter enden würde. Dabei musste man ihm fraglos
zugutehalten, dass er, zumindest nachdem er dem Wecker einen
linken Schwinger verpasst hatte und erst eine Stunde später
wieder aufgewacht war, alles versucht hatte, um seine Verspätung
so gering wie irgend möglich ausfallen zu lassen. Er
hatte seine Rostlaube dermaßen durch die sich vor
Wien unnötig breitmachende Ebene gejagt, dass sich
jeder Verkehrspolizist alle Finger nach ihm abgeschleckt
hätte.
Keine Geschwindigkeitsbegrenzung, kein Zebrastreifen, nichts
vermochte Suchanek zu bremsen. Nicht das weiße Kreuz,
das vor der Ortseinfahrt an jenem Kirschbaum angebracht
war, an dem der Lengauer Edwin und sein GTI in trauter Zweisamkeit
ihre Leben ausgehaucht hatten. Und auch nicht der Blumentrog
mit den verwelkenden Geranien, diesen Straßenhuren
unter den Blumen, und die auf rustikal getrimmte Holztafel
mit der Aufschrift: "Wulzendorf grüßt seine
Gäste". |